Spendet Nächstenliebe!

von admin am Februar 25, 2018, keine Kommentare

Bessere politische Rahmenbedingungen für die Organspende können Leben retten.

von Justus Alexander Schmitt, Kreisvorsitzender der Jungen Union Pinneberg und stellv. Vorsitzender der CDU Tornesch.

„Diese Organspende-Sache ist zurzeit ja überall in den Medien, gab’s da irgendwie ein Jubiläum oder wie?“ Nein, kein Jubiläum. Und wenn, dann wäre es ein sehr trauriges. Eine Bekannte sprach das Thema an, weil die Deutsche Stiftung Organtransplantation erneut ihren Jahresbericht für 2017 vorgelegt hat, der alles andere als erfreulich ist: 769 Spender gab es in Deutschland. In einem ganzen Jahr. Damit gilt das deutsche laut internationalen Experten als „nicht ernstzunehmendes Organspendesystem“. Mit dem neuen Niedrigstand von 9,3 Spendern pro Million Einwohner gehört Deutschland endgültig zu den europäischen Ländern mit dem geringsten Aufkommen an hirntoten Organspendern. Nur Griechenland, Rumänien, Bulgarien und Albanien haben noch weniger Spender. In Spanien, dem weltweiten Spitzenreiter, sind es fünfmal so viele Spender wie in der Bundesrepublik. Aber warum hängen wir so hinterher?

Niemand denkt gerne ans Sterben. Niemand setzt gerne ein Testament auf. Es gibt sicherlich schöneres, als auf einer Plastikkarte einzutragen, welche Organe entnommen werden dürfen, wenn das Herz noch schlägt, während man noch atmet, wenn aber das Lebensende durch den Hirntod bereits unumgänglich ist. Die Seele hat im Glauben vieler Menschen dann bereits den Körper verlassen. In diesem Sinne spricht erst einmal nichts dagegen, anderen Menschen Leben zu schenken. Was aber, wenn die eigene, gespendete Lunge an einen Kettenraucher geht? Oder ein Alkoholiker die Leber bekommt? Dann dreht sich das Blatt, dann gehört für viele Menschen schnell das Sterben einfach zum Leben dazu. Manche Menschen würden dann schnell sowieso kein längeres Leben „verdienen“ und seien „selber schuld“.

Diese Diskussionen können und müssen vielleicht auch ewig geführt werden. Jeder Argumentation voranstehen sollte, dass es dem Menschen im Rahmen der Selbstbestimmung und Eigenverantwortung freisteht, zu entscheiden, ob er spenden möchte oder eben nicht. Ich habe die Entscheidung, potentieller Organspender zu sein, für mich persönlich nicht rein rational sondern vor allem emotional gefällt, als ich von einem sehr persönlichen Schicksal erfahren habe. Ich fragte mich schließlich: Würde ich mein Herz spenden, damit ein Kind seine Mutter nicht verliert? Oder eine Mutter ihr Kind? Die Antwort darauf war für mich klar. Aus diesem Grund nehme ich in Kauf, dass ein Alkoholiker meine Leber und ein Raucher meine Lunge bekommt, weil gute Taten schlichtweg nicht aufgerechnet werden können und ich darauf vertraue, schließlich auch eine Familie retten zu können. Mit einer Plastikkarte und dem Vertrauen in den Menschen und die heutige Medizin. Ich wünsche mir, dass viele Bürger in Deutschland dasselbe auch für mich und meine Liebsten täten. Aus Nächstenliebe.

Dazu muss man wissen: Leben retten ist im Falle der Organtransplantation nicht wirtschaftlich. Nach der Vereinbarung zur Tätigkeit und Finanzierung von Transplantationsbeauftragten wurden im Jahr 2017 18 Millionen Euro an die Entnahmekrankenhäuser ausgezahlt. Diese 18 Millionen Euro, die die Krankenkassen den Kliniken für die Transplantationsbeauftragten zur Verfügung stellen, werden dort häufig nicht zweckgebunden verwendet. In manchen Krankenhäusern zahlen die Beauftragten ihre Fortbildungen aus eigener Tasche. Die Aufwandsentschädigung für die Entnahmekliniken ist ebenfalls so gering, dass sich der hohe personelle und zeitliche Aufwand schlichtweg nicht lohnt. Während der Entnahme der Organe kann schließlich auch weniger Geld an lebenden Patienten verdient werden. Organtransplantationen haben zusätzlich heutzutage einen schmutzigen, nicht zuletzt durch die Skandale der 2000er Jahre geprägten korrupten Ruf. Es muss Vertrauen und Verständnis, es muss eine neue Kultur der Spende geschaffen werden.

Das kann man, wie so vieles, durch politische Impulse bekräftigen. Ab Zeile 4651 des ausgehandelten Koalitionsvertrages steht geschrieben:

„Wir wollen die Zahl der Organspenden in Deutschland erhöhen. Dazu werden wir eine verbindliche Freistellungsregelung für Transplantationsbeauftragte schaffen und diese finanzieren. Die Organentnahme wird höher vergütet.“

Ein Anfang. Ein überfälliger, erster Schritt.

Wenn aus diesem medialen Aufschrei nicht nur die Empörung der Gesellschaft über sich selbst und das deutsche Gesundheitssystem folgen soll, sondern eine tatsächliche Verbesserung der derzeitigen Situation, dann muss die Politik jetzt den Anstoß dafür geben.

Es kann nicht darum gehen, jeden Bürger zur Spende zu verpflichten, was im Übrigen verfassungsrechtlich unvorstellbar wäre. Das spanische System, in dem sich die Menschen vor ihrem Tod aktiv gegen die eigene Spende aussprechen müssen, weil sie sonst automatisch zum Spender werden können, widerspricht mindestens meiner Vorstellung von guter Politik, die das menschliche Individuum und seine Persönlichkeitsrechte zentral im Blick hat. Was wir realistischerweise von den Bürgern verlangen können und sollten, ist eine Entscheidungspflicht, für oder gegen die Organspende. Sei es mittels Organspenderausweis, Patientenverfügung oder anderweitiger Dokumentation. Die Krankenkassen, die bereits jetzt für den Spenderausweis werben, könnten an jeden Bürger ein Exemplar versenden. Die Ausfüllung des Dokuments und das Mitführen würden den Prozess vereinfachen und die Chancen auf erfolgreiche Spenden in unserem Land deutlich erhöhen. Die deutsche Organspende wäre mindestens stabilisiert.

Durch diesen Schritt würden niemandem seine Rechte genommen werden. Die Zahl jener, die sich mit der Organspende allerdings aktiv auseinandersetzen würden, wäre endlich dem Thema angemessen hoch. Die reine Entscheidung zählt dabei – dafür oder dagegen. Die ersehnte Kultur des Verständnisses wäre ebenfalls durch die zwingende, vorherige Information zur Bedeutung der Entscheidung geschaffen.

Die Organspende ist schließlich kein Randthema. Jeder kann einmal zum dankbaren Spendeempfänger werden. Es kann in der Debatte daher nicht vorrangig um Interessengruppen gehen, die sich beschweren, um eine Gesellschaft, die sich für ein paar Tage empört. Es geht um 56 Lebensjahre, die durchschnittlich von einem einzigen Organspender geschenkt werden können. Es geht um Menschenleben, die gerettet werden – durch das Ausfüllen und Mitführen einer Plastikkarte. Der Aufschlag dafür kann und sollte deshalb auch jetzt getan werden.

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