Geschichtspolitik am Beispiel des Hindenburgufers

von Florian Weigel am Juli 16, 2013, keine Kommentare

Florian_WeigelPaul von Hindenburg ist seit neunundsiebzig Jahren tot, ein Politikum bleibt er bis heute, denn in Kiel wird momentan intensiv über eine Umbenennung des Hindenburgufers diskutiert.

Dem ehemaligen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg wurde im Juli 1933 die Ehrenbürgerwürde der Stadt Kiel verliehen und der damalige Strandweg wurde nach ihm in „Hindenburgufer“ umbenannt.

Die Fraktion der Linkspartei hat, vertreten durch den Ratsherrn Stefan Rudau, in der Ratsversammlung der Stadt Kiel den Antrag eingebracht, die Ehrenbürgerwürde Hindenburgs zurückzunehmen, diese Aberkennung auf der Netzseite der Stadt Kiel kenntlich zu machen und die Verwaltung einen Vorschlag erarbeiten zu lassen, wie die Umbenennung des Hindenburgufer erfolgen könnte. Sozialdemokraten und Grüne sympathisieren mit diesem Vorschlag, wollen aber mit einer Umbenennung aus wahltaktischen Gründen warten.

Dieser Vorschlag ist nicht neu: So scheiterten sowohl eine Parteiinitiative nach dem Krieg, die linken Studenten in den sechziger Jahren als auch Anhänger der Friedensbewegung in den achtziger Jahren. Stets wird Hindenburg vorgeworfen „Steigbügelhalter Adolf Hitlers“ gewesen zu sein.

Eine mögliche Aberkennung der Ehrenbürgerwürde und die Umbenennung einer Straße werfen zwei grundsätzliche Fragen auf: Endet eine Ehrenbürgerschaft nicht automatisch mit dem Tode der geehrten Person? und wer bestimmt den geschichtspolitischen Diskurs im öffentlichen Raum? Vor allem die zweite Frage möchte ich etwas genauer beleuchten.

Geschichtspolitik ist die parteiische Auslegung der Geschichte nach bestimmten politischen Ansichten und der Versuch durch sie die Deutungshoheit im öffentlichen Raum zu erhalten um dadurch politische Zwecke zu erreichen. Als Akteure können Parlamente, Vereine und Parteien auftreten. Sie versuchen beispielsweise durch das Errichten von Denkmäler sowie die Benennung von Straßen und Kasernen Einfluss auszuüben; entscheidend für den Erfolg ist eine Erstbenennung oder eben eine Umbenennung.

Die Art und Weise wie Geschichtspolitik betrieben wird, lässt Rückschlüsse auf das politische System zu: So lassen sich die Adolf-Hitler-Platz-Benennungen der dreißiger Jahre erklären oder die Karl-Marx-Alleen und Rosa-Luxemburg-Plätze auf dem Gebiet der ehemaligen DDR verstehen.

In Kiel sind in jüngster Zeit einige Straßen und Plätze umbenannt worden. So wurde unmittelbar am Bahnhof der östliche, am Wasser liegende Teil des Bahnhofsvorplatzes in „Platz der Kieler Matrosen“ benannt. Eine Huldigung des Kieler Matrosenaufstandes von 1918, in welchem sich sozialistische Matrosen mit Unterstützung der Sozialdemokratie, in Räten organisierten und so den Anstoß  zur Novemberrevolution und der Abdankung des Kaisers gaben.

Im gleichen Zuge wurde am Ostufer, in der Nähe der Hörn beim Germaniahafen, ein vormalig unbenannter Platz „Ernst-Busch-Platz“ genannt. Der 1900 in Kiel geborene Busch war Sänger, Schauspieler und Regisseur. Mit achtzehn trat er der USPD bei und floh nach der Machtergreifung in die Sowjetunion. Dort betätigte er sich rege als kommunistischer Liedermacher („Die Thälmann-Kolonne“, „Arbeiter, Bauern an die Gewehre!“). Nach dem Krieg lebte er in der DDR, hier tat er sich als überzeugter Kommunist und Interpret kommunistischer Lieder hervor (wer näheres erfahren möchte, gebe Ernst Busch bei youtube.de ein). Er war Träger des Vaterländischen Ordens der DDR, des Lenin-Friedenspreises, usw. Kurzum ein unbelehrbarer Kommunist im DDR-Unrechtsstaat.

Paul Ludwig Hans Anton von Beneckendorff und von Hindenburg wurde 1847 als Sohn eines preußischen Offiziers in einem alten ostpreußischen Junkergeschlecht geboren. Nachdem er das Gymnasium besucht hatte begann er seine Karriere beim Militär des Königreiches Preußen. Als junger Mann nahm er an der Schlacht von Königgrätz, am deutschen Sieg über Frankreich 1871 und als Abgeordneter an der Kaiserproklamation im Versailler Spiegelsaal teil. Hindenburg absolvierte die Kriegsakademie, stieg in den Generalstab auf und wurde 1911 als Generalleutnant in den Ruhestand verabschiedet.

Mit dem Ausbruch des ersten Weltkrieges wurde er wieder in den aktiven Dienst beim Heer berufen. Gemeinsam mit Erich Ludendorff gelang dem jetzigen Generaloberst ein bedeutender Sieg über die schnell nach Ostpreußen eingedrungenen russischen Heere. Durch diesen Sieg mit erheblichem Prestige ausgestattet wurde er 1916 Chef der Obersten Heeresleitung und entmachtet Kaiser und Politik durch die Einführung einer de facto Militärdiktatur.

1925 zum ersten Mal als Reichspräsident gewählt, wurde der Parteilose 1932 gegen Adolf Hitler und Ernst Thälmann wiedergewählt. Sozialdemokraten und katholische Zentrumspartei unterstützten ihn, um einen Reichspräsidenten Hitler zu verhindern.

In den Reichstagswahlen vom 6. November 1932 konnte die NSDAP ihre Stellung als stärkste Partei verteidigen. Hindenburg ernannte Kurt von Schleicher zum Reichskanzler, der mit einem Konzept zur Annährung an die Gewerkschaften und den linken Strasser-Flügel der NSDAP scheiterte. Politisch gescheitert schlug er dem Reichspräsidenten vor, den Staatsnotstand auszurufen, den Reichstag aufzulösen, erst im Herbst 1933 neu zu wählen und notfalls mit der Einrichtung einer Militärdiktatur die Herrschaft zu sichern.

Dies ablehnend, ließ sich Hindenburg von Franz von Papen (Schleichers Vorgänger als Reichskanzler) dazu bringen, den „böhmischen Gefreiten“ Adolf Hitler als Reichskanzler zu ernennen. Im Kabinett waren neben Hitler nur zwei weitere Nationalsozialisten vertreten. Papen und die weiteren Minister glaubten Hitler bändigen zu können, irrten sich jedoch in ihrer Einschätzung dessen Wesens und dem seiner Bewegung. Sofort begann die nationalsozialistische Revolution, mit Entlassung des Reichstages, massivem Terror und Einschränkung der Grundrechte. Am Tag von Potsdam verneigte sich Hitler vor dem greisen Hindenburg, stellte so propagandistisch eine Verbindung von Kaiserreich und NS-Herrschaft her und vereinnahmt Hindenburg für die Diktatur. Am 23. März stimmte der Reichstag in Anwesenheit von bewaffneten SA- und SS-Verbänden schließlich dem so genannten Ermächtigungsgesetz zu, welches die Gesetzgebung in die Hand der Regierung legte. Im August 1934 verstarb Hindenburg. Hitler macht sich zum Führer, indem er die Ämter des Präsidenten und des Kanzlers auf sich vereint. Das dunkelste Kapitel in der jahrhundertealten Geschichte des deutschen Volkes nahm seinen Lauf.

Als Errichter der Militärdiktatur, Urheber der Dolchstoßlegende und Feind der Demokratie hatte Hindenburg aus heutiger Sicht viele schwarze Seiten.

Doch war er als Held von Tannenberg, bei der Bevölkerung ungeheuer populär, hielt sich als Reichspräsident weitestgehend an die Weimarer Reichsverfassung und war ein Bollwerk der Republik gegen Nationalsozialisten wie gegen Kommunisten gleichermaßen.

Hindenburg war weder im heutigen noch im damaligen Sinne ein Demokrat. Er war aber auch kein Steigbügelhalter der Nationalsozialisten und tat für die damalige Demokratie sicher mehr als die radikale Linke, die Hand in Hand mit den Nazis die Republik torpedierte.

Resümierend ist festzustellen, dass keine historische Person unumstritten ist und konträre Positionen in der Geschichtswissenschaft keine grundsätzlichen Maßstäbe für die Bedeutungzuweisung einer Person sein können.

Gerade die politische Linke, die Geschichte und menschliche Entwicklung als einen Fortschrittsprozess begreift und deswegen wohl auch für eine Tilgung der Erinnerung an scheinbar Nicht-Fortschrittliches streitet, steht damit in einem Antagonismus zu den Konservativen, die das Heute immer aus dem Vergangenen betrachten und für die die Erinnerung auch an Vergangenes, das heute kontrovers betrachtet wird und von der politischen Linken abgelehnt wird, ein Teil des Geschichtsverständnisses ist.

Geschichtspolitik in einer pluralistischen, demokratischen Gesellschaft sollte stets vielfältig sein, so dass die Traditionsstränge aller in der Gesellschaft bedeutsamen und sie tragenden politischen Strömungen erkennbar sind. Eine einseitige Ausrichtung nach bestimmten parteiischen Geschichtsdeutungen, wie jetzt von den linken Parteien favorisiert, schadet unserer Demokratie, weil sie ihre eigene Geschichtsdeutung durch eine Umbenennung der ganzen Gesellschaft aufoktroyieren wollen. Der DGB übrigens schlägt vor, das Ufer in „Promenade der Revolution“ umzubenennen.

Bei der Benennung des öffentlichen Raumes nach Persönlichkeiten sollten deshalb alle Traditionsstränge in einer gesunden Mischung berücksichtigt werden, um dem Pluralismus gerecht zu werden. Außerdem sollte der Traditionsbestand gewahrt bleiben, denn auch an Vergangenes, das einen großen Einfluss auf das Heute auswirkt, muss erinnert werden. Alles andere wäre eine Tilgung der Vergangenheit und der Bestände, aus denen unsere Gesellschaft sich entwickelte. Die immer stärker um sich greifenden Geschichtsvergessenheit und die alleinige Fokussierung auf die Gegenwart könnte abgemildert werden, wenn auch der öffentliche Raum ein Raum verschiedener Geschichtsdeutungen bliebe.  Vor dem Hintergrund jüngerer Namensgebung in Kiel ist daher eine Umbenennung des Hindenburgufers abzulehnen.

Eine grundsätzliche Frage ist allerdings, ob es in der heutigen Zeit überhaupt noch zeitgemäß ist, den Bürgern durch Benennung von Straßen und Plätzen vorzuschreiben, wen sie zu ehren haben; ob eine Benennung eine Ehrung ist oder einfach nur lebendige Geschichte ist hier die Frage.